Wenn die Welt einmal untergehen sollte, dann ziehe ich nach Wien …

Fast das ganze letzte halbe Jahr bin ich alleine durch die Gegend gerannt, um nun wiederum ganz alleine inmitten zehntausender Menschen am Start vom Vienna-City-Marathon zu stehen. Ein wirklich sehr krasser Gegensatz. Es ist saukalt, als ich in meinem Startblock stehe, 6°C vielleicht, dazu ein wirklich mieser unangenehmer Wind. Im Radio haben sie vorhin von Windgeschwindigkeiten von bis zu 70 km/h gesprochen. Alle frieren und bibbern vor sich hin, ich auch. Neben mir steht ein Franzose mit einem T-Shirt vom Iron Man Hawai. Ich nehme ihm es ab, dass er tatsächlich dort war, er sieht danach aus. Ich bin nervös. Das zurückliegende Laufjahr war ein ätzendes Jahr, zumindest was den Sport angeht, irgendwie war das Laufen eine Quälerei mit wenig Spaß. Dieses Jahr nun hat sich eine gewisse Leichtigkeit eingestellt, der ich allerdings tief in meinem Inneren aus welchem Grund auch immer noch nicht so richtig trauen will. Neben mir steht eine Österreicherin, wir unterhalten uns, albern herum über unsere mittlerweile tiefgefrorenen nackten Beine. Dann auf einmal ein Hupen, die Österreicherin zieht sich an der Gitterabsperrung hoch, die uns in unserem Startblock zusammenpfercht, und ergattert einen Blick über all die Köpfe hinweg. „Ok“, sagt sie zu mir, „das war der Start für uns, einen guten Lauf für dich“. Ich lächle sie an, „wünsch‘ ich dir auch“. Wir klatschen uns ab und traben der Herde folgend los, nach ein paar Metern haben wir uns verloren. Beim Überlaufen der Startmatten piepst es an den Handgelenken, digitale Stoppuhren tickern ab sofort um die Wette und schwingen die Peitsche, dazu Walzerklänge nicht wie sonst üblich AC/DC. Mal was anderes und irgendwie passend zu dieser Stadt. Ich lass mich an den Rand treiben, will auf die Donau unter der Reichsbrücke schauen. Der Fluß, obwohl hier so viel breiter, als gute 700 km flußaufwärts, sieht vertraut aus. Vorne, unten in der Stadt, sehe ich den Stephansdom, auch hohe Kirchtürme mag ich besonders gerne.

In den ersten drei Kilometern muss ich einen Platz finden, an dem ich nicht ständig auf jemanden auflaufe oder mir jemand in die Hacken tritt. Das ist die Krux bei so großen Events. Aber egal, meine Laune ist bestens. Ich schau‘ auf die Zuschauer am Rand, irgendwo müssen sie doch stehen, mein langer und mein kurzer Riesen-Fan. Da muss ich erst in Wien an den Start gehen, um einen eigenen Fanblock mit Plakaten und allem Drum und Dran zu haben und dann kann ich sie nirgendwo entdecken. „Naja“, denk‘ ich, „vielleicht sehen sie ja mich. Auf jeden Fall seid ihr mit ein Grund, warum es mir so gut geht bei diesem Lauf“.

Neben mir taucht ein rennender Mozart auf. „Hei“, sag‘ ich, „hast du schon gehört, Salieri ist wegen Betruges gesperrt worden und durfte nicht starten. Dieses Mal rockst du das Ding nach Hause“. Mozart lacht, hebt seine Hände und seine Finger klimpern über imaginäre Lufttasten. Es geht am Donaukanal vorbei, eng ist es. Irgendwann seh‘ ich die goldene Kugel der Secession, die Buden des Naschmarkts sind geschlossen. An einer Verpflegungsstelle greif‘ ich mir einen Wasserbecher. Richtig laut ist es, ich kicke ein paar Becher zur Seite.

Und dann taucht er schließlich wieder vor mir auf, der Läufer des Horrors, der mir auf jedem großen Lauf begegnet. Immer trägt er eine weiße hautenge Tight, mit nichts darunter. Eine Weile lauf ich hinter ihm her, dann ertrage ich den Anblick nicht mehr aus und überhole ihn kurzerhand. Ein Krankenwagen muss durch, für einen Moment muss das gesamte Läuferfeld anhalten, er kommt neben mir zu stehen. „Wie gut, dass es heute Nacht wenigstens aufgehört hat zu regnen“, sagt er zu mir. Ich nicke und renne weiter, in meinem Bauch ballt sich ein Lachflash zuammen. An der Häuserwand ist ein riesiges Plakat der aktuellen Ausstellung in der Albertina. Im Augenwinkel seh‘ ich noch wie Egon Schiele sich zurücklehnt, seinen Zeichenblock aufschlägt, nach einer neuen Kohle greift und süffisant grinst. „Ja, das ist in der Tat was für dich, Egon“. – „Danke für deinen Besuch vorgestern“, hör‘ ich ihn sagen. Er zwinkert mir zu, seine Hand formt das Victoryzeichen.

Ich klatsche Kinderhände ab, die mir entgegenstreckt werden. Ab dem Westbahnhof geht es dann leicht bergab, die Schritte werden schneller, Trommler sind zu hören, ein Dudelsack-Orchester quiekt ein paar Liedchen.

Über die Ziellinie laufe ich im Walzerschritt. In Wien ist einfach alles wunderbar und leicht.

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