Stairway to heaven

Wenn es in mir laut ist, laufe ich dorthin, wo es leise ist, also in den Wald, ans Wasser. Der Plan für heute war zwar ursprünglich ein anderer gewesen, aber egal. Und doch fängt mir nach einer Weile, eigentlich ganz bald schon, das äußere Gegenstück zu meiner inneren Aufruhr zu fehlen. Die Stille, das Vogelgezwitscher, meine eigenen gleichmäßigen irgendwie einschläfernden Schrittgeräusche auf dem Kiesweg nerven mich. Heute wäre ich in der richtigen Verfassung, einen Lauf durch die Schwäbische-Alb-Stuttgart-21-Tunnelbaustelle bei Baubetrieb zu machen, um am anderen Ende der Röhre dann hoffentlich tiefenenstpannt ausgespuckt zu werden. Um meinen Kopf zum Schweigen oder wenigstens zum Anhalten zu bringen, krame ich mein Handy aus der Jackentasche und schalte den Player an. Eigentlich untypisch , ich laufe nie mit Musik, ich bin nicht gemacht für Dauerberieselung, war ich noch nie. Für den heutigen Ostersonntag, scheint mir Stairway to heaven jedoch das passendste Lied überhaupt zu sein. Also laufe ich weiter und versuche im Wald alles wegzusingen, was durch meine Gedanken tobt: den Anblick schwebender aufgedunserer Körper im Wasser, diverse Ängste vor Krankheiten, vor dem Tod ansich, vor Krieg sowieso, davor mich zu verlaufen und nie mehr nach Hause zurückzufinden, davor nächsten Sonntag als Letzte über die Ziellinie zu laufen, vor Adel Tawil im Radio und davor, dass ich nicht Herrin über den Radioknopf bin und ihn ganz schnell ausschalten kann.

Auf einmal steht ein Hund vor mir, ein Retriever-Irgendwas-Mischling. Wo er hergekommen ist, kann ich nicht sagen. Ich bleibe stehen, er setzt sich, schaut mich an. „And it makes me wonder …“, ich mache das Gejammere aus meinem Handy aus, drehe den Kopf, weder vor mir noch hinter mir ist jemand zu sehen. Ich halte ihm meine Hand hin, er schnuppert daran und schleckt sie ab. „Heute auch alleine unterwegs?“, frage ich ihn,          „manchmal nicht das Schlechteste“. Unsere kurze traute Zweisamkeit endet jäh, er macht einen Satz ins Gehölz, ich höre ihn noch rascheln, dann ist er weg. „Ich verstehe, du hast noch nicht alles entdeckt, ok, ich werde dich auf alle Fälle nicht verraten, du kannst auf mich zählen“, rufe ich ihm hinterher. Dann laufe ich weiter. Nach ungefähr einem Kilometer macht der Uferweg einen Bogen, ein verlassener Mann mit Hundeleine kommt mir entgegen. „Haben Sie vielleicht einen Hund gesehen?“ Ich atme durch, dann höre ich mich sagen:“Ja, vor ein paar Minuten“. Mit der Hand zeige ich in die Richtung, aus der ich herkomme. Der Mann ruft einen Namen, den ich nicht genau verstehe und geht zügig in die bedeutete Richtung. Wieder raschelt es im Gebüsch, wieder steht der Hund vor mir. „Ganz falsches Timing“, sag‘ ich zu ihm. Herrchen ist noch nah genug und dreht sich zu uns um, als er mein Sprechen hört. – „Na, da bist du ja endlich“. – Seine Stimme klingt ein bisschen genervt, aber auch ziemlich erleichtert. Der Hund trabt schwanzwedelnd auf ihn zu. Ich sehe noch, wie Herrchen die Leine an seinem Halsband befestigt. „Es tut mir, nun habe ich dich doch verraten“, denke ich mir und dann überlege ich, mit welchem Obolus ich mir nach diesem Wortbruch nun den Zutritt über Robert Plant‘s Treppe würde überhaupt noch erkaufen können.

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