Grabrede

 

Nachts sind ihre Körper besonders laut, es scheint als brauchen sie die Dunkelheit, um in meinem Kopf aufzuwachen. Vielleicht schallt es aber am Tage auch einfach nur zu laut um mich herum und in mir drin sowieso. Mit aller Kraft werfen sie sich an meine Schädeldecke, nehmen Anlauf und versuchen den Knochen zu durchbrechen oder das Trommelfell zu zerschreien. Manchmal sind es ganz viele auf einmal und ich werde ganz wirr davon. Es ist wie inmitten eines Bienenschwarms, in dem man das einzelne Summen nicht mehr orten kann. Alle auf einmal wollen sie zu mir, wollen, dass ich sie erhöre, sie wahrnehme, die Arme um sie schmiege und ihren Klang an mich drücke. Manche wollen gehalten werden, damit ihr Wimmern versiegen kann, manche stürzen vor meinen Augen in die Tiefe oder bleiben in meinem Hals stecken, andere kitzeln mich und schenken mir lautes Lachen. Mir wollen sie gehören, das habe ich inzwischen verstanden und nur mir zeigen sie sich, darum geht es ihnen, deshalb führen sie sich so auf.

Immer jedoch machen sie mich schlaflos. Irgendwann habe ich extra dafür ein Notizbuch und einen Stift neben mein Bett gelegt, um vorbereitet zu sein auf sie, um ihnen gerecht zu werden und um für sie da zu sein. Denn das muss ich doch, sind sie doch mein. Ich liege dann da, starre an die Decke und und habe Angst, dass ich sie nicht alle finden kann, dass sie nur ein einziges Mal aufleuchten, ich ihren Hall aber nie werde über die Lippen bringen oder dass ihre Bilder es nicht schaffen in meine Augen einzutreten und ihre Melodie tonlos verfliegt.

Was, wenn ich sie vergesse, mich einfach nicht mehr an sie erinnern kann am nächsten Morgen, also niemals mehr. Dann werde ich zu ihrem Grab.

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