Die Tarnkappe in der Hand …

 

 

Kaweco

Mit gebrauchten Schreibgeräten ist das mitunter so eine Sache. Man weiß nie, ob sie ihrem Vorbesitzer nachtrauern.

Auf Flohmärkten und auch auf diversen Internetverkaufsplattformen halte ich immer mal wieder Ausschau nach gebrauchten Füllern. Dabei sind die Objekte meiner Begierde meist bestimmte Füller einer gewissen Ära oder einer gewissen Marke und meist freut es mich schon, sie überhaupt ausfindig gemacht und gefunden zu haben und da sie zugegebenermaßen fast immer die Möglichkeiten meines Geldbeutels übersteigen, belasse ich es auch meist dabei und begnüge mich damit, sie glückselig zu betrachten. Immer wieder bleibt mein Blick dabei auch an Raritäten einer mir vielleicht zunächst unbekannten Marke hängen, deren Design mich berüht, Form und Ziselierung der Feder so wunderschön sind oder es hat mir einfach nur der Schimmer und das Material seines Schaftes und seiner Kappe angetan und ich würde am liebsten sofort die Hand danach ausstrecken und ihn in meiner Hand hin und her wiegen.

Mein Problem mit gebrauchten Füllern, ist Folgendes. Immer wenn ich einen Füller gebrauche, der zuvor jemand anderem gehört hat, egal wie lange das auch zurückliegen mag, frage ich mich, ob die Worte, die aus ihm fließen, tatsächlich für mich bestimmt sind. Eine Frage, die mich wahrlich unsicher machen kann. Klar, meist sind die Füller leer oder die Tinte ist im Kolben oder der Patrone eingetrocknet, so dass ich ihn, so weit es geht, erst einmal auseinanderbauen und reinigen muss. In seiner Tinte also können keine falschen oder nicht mir zugedachten Worte stecken. Und trotzdem – schreibe ich damit und mir fällt plötzlich auf, dass ich ein Wort zu Papier gebracht habe, das ich sonst nie verwende, dann frage ich mich, wo es herkommt, ob der Füller es mir womöglich untergemogelt hat und ob dieses Wort tatsächlich mein Wort ist. Wenn sich dann aber irgendwann meine Hand und Schwung der Feder aneinander gewöhnt haben, und damit meine ich nicht, dass die Hand die Feder oder die Feder die Hand bändigen muss, dann bin ich bereit, es hinzunehmen, dass mit ihm neues möglich sein kann und dann erlaube ich ihm und mir, dass er mir neue Worte schenkt und ich träume davon, dass er sie nur mir alleine schenkt.

Ich besitze einen gebrauchten Kaweco Füller, einen Kaweco Classic Sport, in schwarz. Bei diesem Füller war das auch so, wir haben uns zwar vom ersten Moment, in dem ich ihn in Händen gehalten habe, geliebt, aber dennoch war ich ein wenig misstrauisch. Zum Glück hat sich das schnell gegeben, inzwischen vertraue ich ihm blind. Ich habe ihn eigentlich immer dabei, er ist in der kleinen Vortasche meiner Handtasche, die ich mit einem Reissverschluß verschließen kann, damit er mir nicht verloren geht und damit ich ihn trotzdem schnell herausholen kann, denn manchmal habe ich große Angst, zu schnell zu vergessen, was meine Gedanken mir so in den Kopf schieben. Er ist mein Kritzelfüller, er kritzelt meine Worte, kritzelt mühelos die Striche meiner wackeligen Zeichnungen, wenn ich in Eile bin oder unterwegs, meine Hand nicht auflegen kann, wie sich das eigentlich gehört, wenn man mit einem Füller schreibt. Seine goldene Feder ist zart, feinfühlig, dünn, und unnachgiebig, sie zwingt mich, zu Ende zu bringen, was ich angefangen haben, wacht darüber, dass ich nicht nachlässig werde.  Sein Schaft ist dünn und kurz, kürzer, als bei normalgroß geratenen Füllern. Ich könnte, und ich glaube, so ist es auch gedacht, seine Kappe hinten aufstecken, dann hätte er die übliche Länge. Aber das mache ich nie. Zum einen stört es mich nicht, ganz im Gegenteil, zum anderen, halte ich bei allen Schreibgeräten, die einen Deckel oder eine Kappe haben, diese beim Schreiben oder Zeichnen in der Hand. Rechts halte ich den Füller und links die Kappe, ich umklammere sie mit den Fingern. Ein Gleichgewicht entsteht, äußerliche Balance erschafft innere Gefasstheit. Außerdem hat dieser Füller eine ganz wunderbar geformte Schraubkappe, glatt, rau, kantig, alles aufeinmal, vielleicht ist deshalb alles mit ihm möglich. Und steckt der Füller mit seinem Schaft in der Kappe, dann überragt diese den ganzen Füller, dominiert seinen Körper sozusagen. Das dachte ich beim ersten Mal, mittlerweile weiß ich, dass sie ihn schützt, auf Leben und Tod verteidigt, sie bewahrt ihn und lässt ihn zur Ruhe kommen. Ich liebe es, diese Kappe aufzustecken, zuzudrehen, aufzudrehen, abzunehmen, ich drehe dabei beide Hände, die linke von mir weg, die rechte zu mir hin. Viele bewegen dabei nur eine Hand und drehen den Füller aus der Kappe heraus. Ich drehe die Kappe vom Füller und den Füller aus der Kappe.

Ich mache das bei jeder Gedankenpause, ziemlich oft also. Vielleicht mache ich das, damit er die Worte, die seine Feder noch für mich bereit hält, bewahrt und sie nicht verloren gehen.

Kaweco Classic Sport, Federstärke F

kaweco-pen, h&m gutberlet GmbH

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