And the Oscar goes to …

Mikado

 

Sonntag, Lauftag, heute laufe ich später los, als sonst, man darf auch mal herumtrödeln. Nichtsdestotrotz fasse ich den Entschluss, heute soll ein längerer Lauf rauskommen, mir ist danach. Bis zum See begegnen mir nur Hundegassigänger, ein Husky läuft mit mir um den See, dann pfeift ihn sein Herrchen oder Frauchen zurück, schade, mit Hund laufen macht Spaß. Am Donauuferweg dann Läufer, viele Läufer und alle, ich schwöre alle, in neongelben oder neonpinken Jacken. Die Achtziger lassen grüßen. Ich laufe über das Wehr, heute bin ich raffiniert und werde meine Strecke mal andersherum laufen. Mein Weg führt mich durch die Friedrichsau, ein paar Ruderer auf der Donau begleiten mich.

Doch dann kommt alles ganz anders, kurz vor dem Haus der Begegnung ungefähr da, wo der Berblinger zu seinem kühnen Flug über die Donau angesetzt hat, kommen mir Menschenmassen entgegen und ich meine nicht nur zehn oder zwanzig Menschen, es sind Hunderte. Ich weiche auf die Wiese aus oder vielmehr werde dorthin gedrängt, denn keiner macht mir Platz. Alle haben superschicke Klamotten an, die Frauen tragen Kleider, Schmuck, hohe Schuhe, die Männer dunkle Anzüge, manche Hüte. Ich sehe Security, Polizei, weiter vorne mache ich Photographen aus. Und plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Oh mein Gott, heute ist ja Oscar-Verleihung und na klar, Leonardo wird heute endlich seinen Oscar entgegennehmen und zwar nicht in LA, das wäre zu normal, nein, er wird ihn in Ulm empfangen und zwar aus meiner Hand, heute, jetzt, sofort, der Moment steht unmittelbar bevor. Mir wird schlecht, ich hab das glatt vergessen, wie kann das sein, und ich bin völlig falsch angezogen, ich bin nicht geschminkt, meine Haare sind ungekämmt und, was am schlimmsten ist, ich bin verschwitzt und ich stinke. Ich neige meinen Kopf in Richtung meiner rechten Schulter und rieche an meiner Jacke, nur um meine Vermutung zu überprüfen. Ein Schweißduft steigt mir beißend in die Nase. Aber da muss Leo nun durch, das werde ich mir doch nicht nehmen lassen. Mittlerweile stehe ich inmitten der Menschenansammlung, ich werde weitergeschoben und dann, dann ist es auch schon so weit. Eine Hand streckt sich mir entgegen, meine Knie werden weich, ich greife nach der Hand, umklammere sie, halt mich daran fest und ich werde sie bestimmt nicht loslassen bis er mir nicht zumindest einen Kuss auf die Wange gehaucht hat und verdammt, ich werde, bevor ich ohnmächtig werde, in diese blauen Augen schauen. Meine Hand zittert, ich hebe meinen Blick und schaue in die braunen Augen von Ivo Gönner. Dann höre ich seine Stimme, „Da gugsch, Winfried, gell, in Ulm gebts viele schbortliche Leud.“ Mein Blick wandert weiter, neben Ivo Gönner steht Winfried Kretschmann und grinst mich an. Ich höre das Klicken der Kameras, ein Moment für die Ewigkeit, wenigstens das ist Oscar, aber wo ist eigentlich Leo?

Wie in Trance laufe ich weiter, natürlich verlaufe ich mich, kein Wunder in meinem Zustand, die Strecke wird ein bisschen weiter als geplant.

Nach so einem Lauf schlafe ich in der Regel abends gerne mal auf dem Sofa ein und fast bin ich mir sicher, dass ich es verschlafen werde, den Moment, in dem Leo das goldene Männeken überreicht bekommt von wem auch immer, aber da muss er nun durch, der Leo.

Distanz: 17,53km , Dauer: 01:56:h, +Höhenmeter: 27m, Temperatur: 3°C

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