Begegnung mit Hilda

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Ich bin heute losgelaufen, in eine andere Richtung als sonst üblich, das mach ich zur Zeit oft. Es gefällt mir, ich bin neugierig auf andere Wege. Jedenfalls hatte ich mir Feldwege ausgesucht, die nicht nur schneebedeckt, sondern stellenweise auch spiegelglatt vereist waren. Der Einfachheit halter bin ich dann zwar auf das Feld und den Tiefschnee ausgewichen, aber nachdem ich zweimal in meiner Unaufmerksamkeit ob des Weges so weggerutscht bin, dass ich dachte, jetzt fatzt gleich ein Band, bin ich dann schließlich doch auf die freigeräumten und mit Salz bombardierten Radwege ausgewichen. Und so bin ich das erste Mal zu Fuß in den benachbarten nicht in Richtung Stadt liegende Ort gelaufen, sonst fahr ich da jeden Tag auf dem Weg ins Büro mit dem Auto durch. Das war also Premiere. Ich bin auf der Hauptstraße hinein, dann quer durch den alten Ortskern. Mein Weg führte mich an der alten Schule vorbei, an der evangelischen Kirche schräg gegenüber, dann rechts an der katholischen gelben Kirche, von der ich bis jetzt nicht wusste, dass sie in so leuchtend gelber Farbe angestrichen ist, vorüber an Tanja’s Friseursalon, einer kleinen Bäckerei, aus der es verführerisch duftete, und an einem Wohnhaus mit unzählig in voller Blüte stehenden Orchideen auf der Fensterbank – ich krieg schon die eine Orchidee nicht wieder zum Blühen, die ich mal geschenkt bekommen habe und die, seit sie ihre Blüte abgeworfen hat, ein farb- und irgendwie blumloses Dasein bei mir fristet – und dann schließlich lief ich ungeplanterweise entlang des Friedhofs. Ich hab über die Mauer auf die Grabsteine geschaut, hab im Vorbeilaufen Namen gelesen und aus irgendeinem Grund fiel mein Blick auf einen nicht ganz am Rande stehenden Grabstein. Ein gewöhnlicher Grabstein, würde man sagen, nicht besonders groß, nicht besonders verziert, keine goldene Schnörkelschrift, keine Blumen, keine Kerzen, ein winterliches Grab eben. Das Todesdatum jedoch war ein Tag vor dem Tag, an dem ich auf die Welt gekommen bin und es ist Hilda, die dort begraben liegt. Mein dritter Vorname ist Hilda, meine Eltern haben mir den Namen meiner Oma mitgegeben. Zugegeben, als Mädchen fand ich es gar nicht so witzig, diesen etwas altertümlichen Namen zu tragen, wenn auch an dritter Stelle, vor allem dann nicht, wenn ich irgendwo meinen Ausweis oder ein anderes offizielles Dokument abgeben musste und es die Klassenkameraden, vor allem die Jungs, mitbekamen und der Name für Lacher sorgte, „Hilda, Tusnilda“. Es gab durchaus ein paar, die sich für besonders witzig hielten und mich nach der Zurkenntnisnahme dieses meines Namens nur noch damit ansprachen. Meinen zweiten Vornamen, ich heiße noch Renate, nach meiner Mama, der gab offenbar nicht ganz so viel her. Heute finde ich es schön, noch diese Verbindung zu meiner Oma zu haben.

Aber diese Hilda und ich, wir hätten uns nie begegnen können, auch nicht, wenn wir zum Zeitpunkt meiner Geburt Haus an Haus gewohnt hätten. Wir haben uns sozusagen knapp verpasst, wie man so oft manche Dinge und Begegnungen im Leben knapp verpasst. Ich weiß nicht, wie oft ich in diesem Jahr noch diese Strecke laufen werde und von Hilda weiß ich nichts, außer dass sie 83 Jahre alt geworden ist, aber vielleicht begleitet sie mich ja auf einem meiner langen Läufe in diesem Jahr und erzählt mir ein bisschen von sich. Fast bin ich mir sicher, dass sie das tun wird.

Distanz: 10,11km , Dauer: 01:06:03h, Höhenmeter: 11m Temperatur: -4°C

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