Rutschpartie

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Ich hab dem Impuls noch niemals nachgegeben, aber gespürt habe ich ihn schon öfter. Unterschiedlich stark, ab und an leise rufend, mitunter brüllend gar in meinen Gehörgängen, so laut sogar, dass ich manchmal die Finger in die Ohren stecken musste, um das Geschrei einigermaßen zum Schweigen zu bringen. Wenn ich im Mittelgang des Münsters stehe, meinen Blick nach oben in Richtung Orgel schicke oder entgegengesetzt den Altar suchend, dann würde ich alles gerne auch mal aus einer anderen Perspektive betrachten. Ich würde mich gerne auf den weiß-braunen Boden des Mittelschiffs legen, die Kühle des Boden an meinem Rücken spüren, gleichzeitig fühlen wie der Boden mich hält, meinen Kopf trägt, darauf vertrauend, dass der Grund sich unter mir nie auftun und mich verschlucken würde.

Vor meinem inneren Auge richtet sich der enorme Bau auf, kommt auf seinem vieleckigen Chor senkrecht zu stehen, kurz wirft noch die Morgensonne ihre Strahlen durch die bunten scheiben der Fenster. Das Oben wird vorne, da Vorne zu unten, das Hinter zu über, das Unter wird hinter. Der mächtige Südturm stellt sich quer wie das Horn eines sich aufbäumenden Nashorns. Langsam beginne ich zu rutschen, nach unten hindurch durchs Langhaus, ich werde schneller, wenn ich Glück habe, fangen mich die Stufen zum Kreuzaltar auf, sie bewahren mich davor, mit Karacho ins Chorgestühl zu donnern, kurz nachdem ich die Predella durchbrochen haben würde. Während ich Fahrt aufnehme, verlängert sich mein Blick, lässt meine Augen durch die Krümmung der Kreuzgewölbe hüpfen, mein Geist hängt sich an die gemauerten Rippen, wird zum Schlussstein in der Mitte. Und ich halte genau dort an, Ruhe kommt zu mir.

Schlusssteine sind der Halt an Gabelungen, durch sie entstehen Scheidewege. Das Leben ist Veränderung.

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