Gedankenstrich

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Seit ein paar Wochen hab‘ ich einen neuen Stift. Ich hatte ihn mir im letzten halben Jahr immer wieder angeschaut, ihm in die Augen gestarrt und mit ihm geliebäugelt, ich hab ihn in der Hand gehalten, dabei jedesmal ein paar farblose Probestriche gemacht, auf einem DINA8-Blöckchen, das genau zu diesen Testzwecken an der Seitenstrebe des entsprechenden Verkaufsregals befestigt ist. Um eine Linie allerdings schwungvoll tanzen zu lassen, ist der Block einfach viel zu klein und der Tatsache geschuldet, dass er auch noch fast senkrecht am Regal befestigt ist und diese Ausrichtung so gar nicht zu meiner Handhaltung passt, nicht wenn ich schreibe und nicht wenn ich zeichne, war ich mir unsicher.

Brauch ich den? – Nein. – Ist der überhaupt was für mich? – Warum nicht, er fühlt sich gut an, liegt leicht in der Hand. – Was kann ich mit dem anfangen? – Keine Ahnung, aber ich bin neugierig“.

Und dann habe ich ihn mir irgendwann doch gekauft, einfach nur, weil ich ihn interessant fand und es mir so schien, als passe er zu mir und als würde er mir etwas Neues zeigen können. Außerdem war ich langsam ungeduldig mit mir selbst geworden ob diesem Hin und Her.

In seiner wirklichen Gestalt ist dieser Stift allerdings gar kein Stift. Seine Spitze hat die Form eines Rundpinsels, wie man ihn zum Aquarellieren verwendet, aus sehr feinen Synthetikfasern und er steht im Sortiment der Schreibstifte, weil er überwiegend für Kalligraphiearbeiten verwendet wird, jedenfalls denken seine Hersteller so oder zumindest die Besitzer des Ladens, in dem ich ihn gekauft habe. Aber der Verwendungszweck obliegt ja bekanntlich dem Benutzer. Der Körper des Stiftes, also der Teil, der sich in die Mulde zwischen Zeigefinger und Daumen legt, ist gleichzeitig die Patrone, der austauschbare Tank sozusagen, aus dem sich der Pinselkopf nährt, seinen Sprachschatz saugt.

Zuhause dann hab‘ ich ihn auf meinen Tisch gelegt, genauer gesagt auf einen kleinen Skizzenblock und da lag er dann mal, Akklimatisierungsphase. Manche Stifte brauchen die, sie müssen ankommen, sonst sind nicht bei der Sache, leiten ihre Achtsamkeit in die entgegengesetzte Richtung der zeichnenden Hand und hinterlassen nichts als taumelnde Striche. Sein erster Einsatz war dann irgendwie gedankenverloren und eher nebensächlich, bei einem längeren Telefonat. Mein Kopf, meine Konzentration war bei dem Gespräch und meine Hände brauchten Beschäftigung, das brauchen sie meist, wenn ich telefoniere. Manchmal schreibe ich Worte, die mich nach Beendigung des Telefonats selbst überraschen, weil ihr Inhalt sich meiner, in Anbetracht ihrer beiläufigen Geburt, nicht bemächtigt hat, manchmal sind es nur viele sich wiederholende schnöde Kringel, in unterschiedlicher Größe, die ineinandergreifen, sich feindlich den Rücken zukehren oder sich die Zunge rausstrecken und manchmal kritzel ich einfach nur so herum, absichtslos, auf kein Ziel zusteuernd.

So auch dieses Mal. Meine Hand führt den Stift, fühlt nicht, wie er seine Farbe auf das Papier abgibt, Spuren hinterlässt, denn er scheint es nicht einmal zu berühren, ohne Druck aufzubauen verbreitern sich feinste Zartlinien zu dicken Balken. Er fühlt meinen Kopf, braucht nicht meinen haltenden Griff, tritt zurück in die scheinbare Zufälligkeit und es entstehen Gedankenstriche.

Pentel XGFL Colour Brush black

Ein Kommentar

  • Arno D.

    Die Wahl des richtigen Stiftes kann durchaus zur Qual werden. Ob Kugelschreiber, Füllfederhalter oder Bleistift – ich selbst schwanke bei meinem Schreibereien immer wieder umher. Leider sind gute Kugelschreiber durchaus rar. Überhaupt sind Stifte zum bloßen Wegwerfartikel geworden. Höchste Zeit sie also – wie mit diesem Blogartikel – wieder in den Mittelpunkt zu rücken.

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