Seele muss laufen

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Wenn es an einem Ersten-Advent-Sonntag bei 3°C stürmt und regnet, dann ist die Versuchung groß, nach dem Weckerklingeln um halb acht, zum Handy zu greifen, eine fadenscheinige Ausrede in den Display zu tippen, gemäß „Du, es kratzt mich irgendwie im Hals, ich glaube, ich lass das heute lieber sein, sei mir nicht böse“, diese an die Lauffreundin zu schicken, sich im Bett nocheinmal umzudrehen und den geplanten längeren Lauf, auf den man sich gestern noch so riesig gefreut hat, sausen zu lassen. Aber da mich alleine schon bei diesem Gedanken aus unterschiedlichen Gründen ein schlechtes Gewissen plagt, stehe ich brav auf, zünde mir das erste Kerzlein am Adventskranz an, esse ein Nutellabrot, trinke einen großen Milchcafé und hüpfe in – ja, in was eigentlich, welches sind die besten Laufklamotten bei so einem Wetter und gibt es die überhaupt? – lange Tights, Langarmshirt, Windjacke, Mütze, lange Strümpfe, Trailschuhe, fertig. Als ich im Auto sitze, um zum Treffpunkt zu fahren und die Regentropfen im wilden Tanz über die Windschutzscheibe rutschen, lobe ich mich schon mal vorab für meine eiserne Disziplin, das tut in jedem Fall dem eigenen Ego gut.

Ja, wahrscheinlich ist es auch eine Art innerer Drill, der sich einen dazu aufraffen lässt, aber mit Sicherheit ist es auch die Aussicht darauf, die eigene Innerlichkeit von der Leine zu lassen. Denn so oft diese Art Läufe auch reine Routine sind, die pflichtgemäß erfüllt werden, weil der sich selbst auferlegte Trainingsplan sie so vorsieht und sie somit dem reinen Kilometerfressen dienen, so oft sind diese Läufe auch Läufe, bei denen die Seele Freilauf nimmt. Sie stöbert links und rechts des Weges durchs Gebüsch, stromert durchs Unterholz, ritzt sich die Haut an Dornen, stolpert, rappelt sich auf und beginnt, wenn sie aus dem Wald heraustritt und ihr der Gegenwind vor die Brust knallt, sie aufhalten und zurücktreiben will, Anlauf zu nehmen und zu fliegen. Denn ist es doch der Gegenwind, den sie zum Abheben braucht.

Dass aus den geplanten 14km, dann nur 12kommairgendwas geworden sind, ist dann eigentlich auch nicht schlimm, denn es gibt ja noch einen zweiten und dritten und vierten Advent in diesem Jahr.

Distanz: 12,21km , Dauer: 01:23h, Höhenmeter: 88m

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