Vom Ausschauhalten

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Würde jemand die Photosammlung auf meinem Rechner durchstöbern, dann würde ihm eines mit Sicherheit auffallen. Die Photos sind einigermaßen ordentlich abgelegt, Jahr für Jahr, Kategorie für Kategorie. Er würde feststellen können, dass alles nach einem System beschriftet ist, Jahreszahl und Monat am Anfang, Name mit Inhaltshinweis danach. Man findet sich zurecht, so könnte man sagen. Bei näherem Betrachten würde diesem Jemand vielleicht auch auffallen, dass es nicht jede Kategorie auch im darauffolgenden Jahr wieder gibt. So gibt es die Kategorie „Masten“ zum Beispiel nur in den Jahren 2012 und 2013, die Kategorie „Schilder“ hält sich immerhin schon über die letzten vier Jahren. Aber der rote Faden durch meine Photographiesammlung, das würde dieser Jemand mit Sicherheit bemerken, das ist die Kategorie „Steine für die Ewigkeit – das Ulmer Münster“. Keine anderen Ordner beinhalten so viele Photos wie die Ordner, in denen ich meine Photos des höchsten Kirchturm der Welt sammle. Ok, mittlerweile gibt es noch die jeweiligen Unterordner „Details – Ulmer Münster“, aber das gehört ja irgendwie auch dazu.

Das Münster mit seinem Turm überragt meine Heimatstadt, wann immer ich wegfahre und wann immer ich zurückkomme, egal von welcher Richtung ich mich Ulm nähere, ich halte immer Ausschau nach dem Münsterturm. Ähnlich hab ich es als kleines Kind gemacht, wenn wir im Sommerurlaub nach Spanien oder Italien gefahren sind und ich mit meinem Bruder gewetteifert habe, wer von uns Beiden das blaue Meer zuerst sehen würde. Letzteres mache ich noch immer gerne, zwar nicht im Wettstreit mit meinem Bruder, aber ich halte Ausschau nach den blauen Wellen und freue mich noch immer, wenn ich es dann überraschend, nach dem Abbiegen an einer Kurve, entdecke. Vielleicht ist es auch genau das, was mich am Münster fasziniert, ich kann danach Ausschau halten und wenn ich es sehe, dann weiß ich, dass ich Zuhause bin. Dieses Ausschauhalten hat zwei Aspekte für mich. Im Münster, in dieser zwar nicht immer andächtigen Stille, kann ich Ausschau nach Innen halten – ich bin kein wirklich religiöser Mensch – aber die abgedunkelte Ruhe, das Licht, das gefärbt durch die bunten Scheiben hereinscheint, das Sicheinlassen auf neue Details, die ich jedes Mal wieder entdecken kann, tun gut. Naja, und der andere Aspekt liegt natürlich auf der Hand. Vom Münsterturm, und dazu muss man noch nicht einmal ganz nach oben steigen, obwohl es dort natürlich am schönsten ist, kann man wunderbar Ausschau in die Ferne halten. Beides relativiert so manches größere und kleinere Problem. Es erdet, so jedenfalls fühlt es sich für mich an.

Das Photo vom Ulmer Münster, das ich als erstes auf meinem Blog veröffentlichen möchte, ist aus dem Blickwinkel aufgenommen, aus dem ich es jeden Tag mehrfach sehe; eigentlich immer, wenn ich das Haus verlasse, nur zwei- oder dreihundert Meter von meiner Haustüre aus entfernt. Ich habe unzählige Photos aus exakt dieser Perspektive und obwohl ich das weiß und mir sage „Das hast du doch schon so oft photographiert“, halte ich noch immer an, um ein weiteres Photo zu machen, wenn ich nach Hause fahre und sich der Himmel über Ulm besonders schön im Abendrot färbt, die Sonne die Silhouette des Turms hart nachzeichnet oder gar flimmern lässt oder der Nebel eine ganz wunderbar mystische Stimmung zaubert.

Sehe ich das Münster exakt so oder so oder so, dann bin ich angekommen.

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