Keine Buchstaben für mich

Ein anderer Läufer überholt mich. Schon eine ganze Weile hatte ich seine Schritte hinter mir gehört, hatte mich extra am rechten Rand des Weges gehalten, damit er besser an mir vorbeikommt. Der Weg ist schmal. Kurz hinter mir sind seine Schritte dann schneller geworden, er zieht an mir vorbei. Als er ein paar Meter vor mir ist, lese ich auf der Rückenansicht seines roten T-Shirts „Ich laufe für …“.

„Punktpunktpunkt?“, denke ich, „das geht ja wohl gar nicht“. Kurz überlege ich, ob ich ihm nachlaufen soll, das Ziehen im Knie ignorieren, vielleicht steht ja auf der Vorderseite seines Shirts, für was er läuft. Vielleicht vervollständigt sich dort der bedeutungsschwangere Halbsatz zu einer Aussage und bekommt einen Sinn für mich und natürlich für die Welt. Vielleicht läuft er ja für Frieden, für freie Liebe, für einen Sommer von April bis Oktober, für eine schwimmende Bar im Badesee, für die Abschaffung der Sommerzeit oder einfach nur für die eigenen innere Ruhe. Dafür wäre ich auch, für alles aufeinmal.

Aber ich laufe ihm nicht nach. Mein Kopf arbeitet. Was würde ich mir auf die Fahne bzw. auf mein Shirt schreiben. Was bedruckte Kleidung angeht, bin ich eher eine Langweilerin. Ich ziehe keine Statement-Shirts, keine mit Figuren oder ähnlichem an und schon gar nicht mit überdimensionierten Markennamen. Wenn ich so recht überlege sind Streifen und unter Umständen Pünktchen die einzigen Muster, die ich zulasse. Ansonsten ist alles bei mir buchstabenlos und einfarbig, jedenfalls bei der Oberbekleidung. Bei Strümpfen sieht es anders aus, da besitze ich tatsächlich eine ziemlich bunte Sammmlung mit Eulen, Flamingos, Ananas, Herzchen und was man sich sonst noch so vorstellen kann. Die einzigen bedruckten Shirts befinden sich im Fach meiner Sportklamotten und sind ewig leicht muffelnde Funktionsshirts, die ich bei Laufveranstaltungen welcher Art auch immer bekommen habe. Ich frage mich, ob es mir etwas bringen würde oder was ich damit erreichen würde, wenn auf meinem durchgeschwitzten Shirt ein Vier-Wort-Statement stehen würde. Also nicht, dass mich das stört, wenn andere so herumlaufen, das soll jeder machen wie er mag, aber wäre es was für mich?

Ich bin wohl nicht so, denke ich, ich bin leiser. Wer über mich etwas wissen will, der muss mit mir reden und der braucht ein bisschen Zeit dafür, denn ich brauche Zeit, davon zu erzählen. Dann aber, dann wenn sich jemand diese Zeit für mich nimmt, dann könnte es passieren, dass er erfährt, dass ich für weniger Salz auf den Brezeln laufe, für die Auferstehung von Freddie Mercury, für die Abschaffung von Plastik, für eine Fortsetzung von „Vom Winde verweht“, für die weltweite Schließung von Schlachthöfen, für unplattbare Fahrradreifen oder für ein eigenes Bett auf dem Münsterturm.

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