Und fürchtet den Nachhall

martinluther

„Hei, pssst, bist du noch da oder haben sie dich mitgenommen?“, ich bücke mich über das Absperrband und hebe die Plane ein wenig hoch. Seine Füße sehe ich, den Saum seines Gewands. Also da ist er jedenfalls noch. „Wow, sie machen ja ganz schön Tammtamm um dich. Hättest du dir das jemals träumen lassen vor fünfhundert Jahren? Martin, das wird definitiv dein Jahr. Ich sag dir mal was, die Buchmesse war voll von Büchern über dich. Schlaue Leute haben sich schlaue Gedanken über dich gemacht. Ich würde sagen, du hast es geschafft.“

Es ist ein Freitag Vormittag, draußen auf dem Münsterplatz wird schon der Weihnachtsmarkt aufgebaut, die große Tanne steht bereits. Entsprechend wenig Menschen sind im Münster, die Vorweihnachtshektik hat viele schon wieder im Griff. Eine Frau mit einem Staubsauger läuft zwischen den Bänken hindurch in Richtung nördliches Seitenschiff, ein paar Handwerker bauen im Eingangsbereich ein Gerüst auf. Die Frau sieht fragend zu mir herüber? „Ist etwa geschlossen?“, frag ich. Sie schüttelt den Kopf und geht weiter, verschwindet hinter einer der Säulen. Die Räder des Staubsaugers geben ein gleichmäßig knarzendes Geräusch von sich.

Noch immer hat er kein Wort zu mir gesagt und so beschließe ich, mich zu ihm zu setzen. In einer dieser leicht erhöhten Bänke wollte ich schon immer mal sitzen. Sonst sitze ich eigentlich immer nur in meiner Lieblingsbank beim Bartholomäus. Der ist auch weitaus gesprächiger, als er hier. Die Sonne kommt für einen kurzen Moment heraus und wirft durch das Fenster in meinem Rücken bunte Strahlen auf meine Beine. „He, jetzt sag doch mal was. Ich meine, ich habe mir dich schon immer als einen nörgeligen und gerne auch zornigen Menschen vorgestellt, aber eingeschnappt musst du nun echt nicht sein wegen dieser Plane. Mann, sie hübschen dich auf, damit du in deinem Jahr besonders schön bist und was hermachst. Sie machen das, weil du wichtig bist, bis heute. Also nimm es ihnen nicht krumm.“ Nichts.

Die Frau mit dem Staubsauger kommt quietschend zurück. Ich bleibe noch ein Weilchen sitzen, warte, ob noch was kommt von ihm. Aber er mag wohl nicht. Naja, ist sein gutes Recht, außerdem fand er ja ohnehin, dass sich das Münster nicht für die Musik und nicht für Worte eignete, weil jeder Ton in dem großem Raum verpuffe und deshalb sowieso nicht verstanden würde. Aber jede Wahrheit hat doch ihren Nachhall, deshalb steht er doch hier. „Gab halt noch keine Technik damals“, flüstere ich ihm zu. „Also, denk dran, mach nicht so ein grimmiges Gesicht, wenn in der nächsten Zeit viele Menschen kommen und dich anschauen, wenn du magst, streck ihnen die Zunge raus, das wär ganz ok, das hat ein andere auch schon geschafft, aber lächle ihnen wenigstes ein bisschen zu. Es wird schon nicht so schlimm werden. Ich komme erst in einem Jahr wieder zu dir, wenn der ganze Zauber um dich vorbei ist. Vielleicht können wir uns dann mal unterhalten, wenn du magst, ich hätte da durchaus die ein oder andere Frage“.

Und zu der Staubsaugerdame, die sich schon wieder an mich heranpirscht, weil ich ihr wohl komisch vorkomme, sag ich:“Ich bin jetzt weg.“

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