Wegweiser

taschentuch

Ich hatte es schon bei meinen zwei letzten Läufen liegen sehen. Es hatte an der Seite des Fußweges gelegen, halb hatte es sich im Gras verhakt, halb hatte es einen der vielen Kiesel abgedeckt, über die ich gerne mal stolpere, wenn ich meine Füße nicht hoch genug hebe. Das passiert hin und wieder, wenn ich unaufmerksam vor mich hin trabe, mein Geist meinen Gedanken nachfliegt und ich die Bodenhaftung verliere. Ein weißes Stofftaschentuch mit einem blauen Rand, glatt gebügelt, exakt Ecke auf Ecke, Kante auf Kante gefaltet, ganz offensichtlich unbenutzt, blütenweiß, der Regen der letzten Tagen schien ihm nichts angehabt zu haben.

Bei unserem ersten Blickkontakt hatte ich es nur gesehen, wahrgenommen eben, wie man seine Augen für einen Moment an einen vorbeifliegenden Vogel oder ein besonders schön gefärbtes Blatt hängt. Bei unserer zweiten Begegnung dann bin ich kurz stehengeblieben und hab‘ mich zum ihm hinunter gebückt, warum weiß ich nicht, ich hab‘ es einer Eingebung zur Folge eben einfach getan. Und so hab‘ ich die Initialen entdeckt, die auf der einen Ecke eingestickt waren. Weiße Stickung auf weißem Stoff, erhaben formte sie zwei verschlungene Buchstaben, jeweils mit einem Punkt dahinter, was doch eher unüblich ist und mich stutzen ließ: T. M. .

Die dieser Entdeckung folgenden Laufkilometer war ich damit beschäftigt mir auszudenken, wem dieses Taschentuch wohl gehören konnte. Gar nicht so einfach, Thomas de Maizière, Königin Maria Theresia, Tony Marshall, Thomas Morus und um es mir einfacher zu machen, drehte ich die Buchstaben und ließ auch Margaret Thatcher, Mark Twain und Mick Taylor gelten. Schließlich fielen mir nur noch Theodor Moosevelt und Mars von Trier ein.

Heute nun lag es nicht mehr auf dem Boden, vielmehr hing es wie ausgemalte Spinnweben auf den oberen Zweigen eines Buschs, aufgefaltet. Schwebend. Schon von weitem hab‘ ich es entdeckt und einfach vorbeilaufen, das ging nicht, also bin ich wieder kurz stehen geblieben, wieder hatte ich keinen wirklichen Grund dafür. Mein Blick sucht die Initialen, habe ich doch kurz die Vermutung, sie könnten sich aufgelöst haben oder nur in meiner Erinnerung dort in die Ecke eingestickt worden sein. Aber es ist alles gut, sie sind noch da. Und auf einmal weiß ich es, ich weiß, wem dieses Taschentuch gehört. Es ist doch so offentsichtlich, dass mir das beim letzten Mal nicht sofort eingefallen war, ich kann es nicht glauben. Dieses Taschentuch war Thomas Mann aus seinem Gehrock gefallen, als er hier während einer Schreibblockade spazieren gegangen war. Hier, mit Blick auf die Berge hatte er sich das Sanatorium auf dem Zauberberg ausgedacht. Hier, beim Vorbeischlendern an lauschigen Plätzchen an den Donauauen, waren ihm die Ideen zu den unzähligen Eskapaden des Felix Krull eingefallen. Hier, hatte er die Qual Gustav von Aschenbach’s durchlitten. Und all diese Geschichten hatte er, ohne auch nur eine Minute zu schlafen, Zuhause niedergeschrieben. Ich bin sprachlos, ob meiner Ereknntnis. Natürlich, genau so musste es gewesen sein. Ich habe also das Taschentuch des Schriftstellers gefunden, der so ganz anders schrieb, als ich es wohl jemals tun werde. Er, diszipliniert, preusisch organisiert, streng, aber auch suchend, das dachte ich eben auch immer. Mit ihm verbindet mich wohl nur die letzte Eigenschaft, gebe ich mich doch beim Schreiben viel zu gerne dem ungeleiteten Chaos hin, lasse mich treiben und lasse es zu, dass Worte in meinem Kopf, Fahrt aufnehmen, mich atemlos mache und mich mit auf ihre Reise nehmen. Ehrfuchtsvoll laufe ich weiter. Mein Kopf bringt mir Bilder von den Kanälen in Venedig, ich kann die Cholera im Canale Grande riechen. Erschrocken halte ich mir die Hände vor die Nase.

Auf einmal erscheint weiter vorne im Nebel eine Gestalt im schwarzen Anzug, ein offenbar älterer Herr stützt sich auf einen Gehstock und sucht den Wegesrand ab. Oh mein Gott, ich beginne zu zittern, ich erkenne ihn, er ist es tatsächlich, ich habe also recht. Ich beschleunige meinen Schritt, mein Puls hämmert in den Ohren, ich muss ihn unbedingt einholen. Aber wie tritt man einem Literaturnobelpreisträger gegenüber? Soll ich ihm einfach meine Hand hinstrecken und meinen Namen sagen. Und da bin ich schon bei ihm, ich laufe an ihm vorbei, dann bleibe ich stehen, drehe mich um und sehe ihm erwartungsvoll direkt ins Gesicht. „Herr Mann“, ich stottere los, „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr ….“. Ein polnischer Redeschwall ist die Antwort bevor ich auch nur zu Ende gesprochen habe und ich kann nicht einschätzen, ob die mir entgegneten Worte freundlich sind oder ob ich aufs Übelste beschmimpft werde. Ich kann es dieser Sprache nicht anhören. Ich lasse die Schulter fallen und bin maßlos enttäuscht. Dann renne ich los, ich muss weg von hier, das war ja wohl megapeinlich, was ich hier gerade abgezogen hatte. Und so renne ich bis zur nächsten Brücke, als ich ihre Mitte erreiche, drehe ich mich doch noch einmal um. Da steht er, winkt mir zu, dann öffnete er sein Jacket und holte etwas heraus, das ich nur zu gut kenne. Ich kneife die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Er winkt mir mit einem Notizbuch zu, schwenkt es, dreht sich dabei wie Rumpelstilzchen bei seinem Tanz um das offene Feuer im Kreis und wirft die Knie in die Höhe, sein Spazierstock treibt in der Donau.

Er hat es also schon wieder getan, wie damals im Zug, als er mir einen Platz neben sich angeboten hatte und ich mich doch tatsächlich zu ihm gesetzt hatte. Schon wieder hat er mich verschaukelt. Ich winke zurück und laufe weiter, als ich mich das nächste Mal nach ihm umdrehe, sehe ich ihn schon nicht mehr.

Eigentlich laufe ich bei meinen Läufen selten denselben Weg zurück, aber heute mache ich eine Ausnahme, ich muss es nochmal sehen. Noch immer hängt es da, ich atme auf. Für einen kurzen Moment bin ich versucht, es einzustecken, ich meine, wer besitzt schon das Taschentuch eines Literaturnobelpreisträgers, aber dann lasse ich es doch dort hängen. Ich brauche es nicht, denn ich werde ihm ohnehin irgendwann mal wieder begegnen.

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